Für die selbsternannten Biberacher "Aufpasser"

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Gleich vorab: Ja, ich würde mich selbst als Patrioten bezeichnen. Es macht mich stolz, dass Deutschland in der Welt zu einem Synonym für „Hoffnung“ geworden ist, dass es Heimat bieten kann für all die Entrechteten und Verfolgten. Mich macht es stolz, dass mein Land, das für seinen Militarismus schon im 19. Jahrhundert misstrauisch beäugt und mit der Ermordung von 6 Millionen Juden vollständig entehrt scheinende Deutschland, seine Würde zurückgefunden hat.

Wenn ich mich frage, mit welcher beispielhaften Geste es zu dieser zurückgefunden hat, gelange ich zu einem Paradox. Es war nämlich der Kniefall von Warschau. Der große deutsch-iranische Literat Navid Kermani ist der selben Auffassung und hat das Paradox in einer Art und Weise beschrieben, zu der in der deutschen Sprache womöglich nur er allein fähig ist:

"Dieser Staat hat Würde durch einen Akt der Demut erlangt. Wird nicht das Heroische gewöhnlich mit Stärke assoziiert, mit Männlichkeit und also auch physischer Kraft und am allermeisten mit Stolz? Hier jedoch hatte einer Größe gezeigt, indem er seinen Stolz unterdrückte und Schuld auf sich nahm, noch dazu Schuld, für die er persönlich, als Gegner Hitlers und Exilant, am wenigsten verantwortlich war: Hier hatte einer seine Ehre bewiesen, indem er sich öffentlich schämte. Hier hatte einer seinen Patriotismus so verstanden, dass er vor den Opfern Deutschlands auf die Knie ging."


Und ich bin stolz auf unser Grundgesetz. Die unantastbare Würde des Menschen – des Menschen, nicht nur des Deutschen – zu achten und zu schützen ist ein Bekenntnis zur Zivilisation, das verpflichtet. Dieses Grundgesetz werde ich mit allen Mitteln des Rechtsstaats verteidigen. Das, was sich in der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten ereignet hat, war eine Verachtung unseres Grundgesetzes. Es waren keine sexuellen „Übergriffe“ auf Frauen. Dieser Begriff verharmlost das Geschehene, dem Frauen in dieser Nacht ausgesetzt waren. Es war Gewalt. Sexuelle Gewalt. Die Täter müssen mit aller gegebenen Härte des Gesetzes bestraft werden – wenn möglich, gehört dazu auch Abschiebung.

 

Wer auf das Grundgesetz pfeift, für den ist hier kein Platz.

 

Das bringt mich nun zu Euch, lieber Biberacher „Aufpasser“. In der Beschreibung Eurer Facebook-Gruppe steht, es gehe Euch „darum[,] unsere Stadt für unsere Damen sicherer zu machen und natürlich für unsere Kinder.“ Und klar, Ihr seid überhaupt nicht politisch laut eigener Aussage. Wenn dann auf den Facebook-Seiten Eurer Unterstützer ungelöscht über Monate hinweg Kommentare stehen wie von Fabienne T., die von „Asys“ (sic) spricht, Tobias M. deshalb meint, „einen gescheiten [H]und her und fertig“ oder Michele L. auffordert „Ofen an“, dann zeigen Eure Unterstützer doch, dass sie nichts mit Frauenrechten zu tun haben, sondern nur mit blankem, menschenfeindlichem Hass.

 

Ihr stellt Flüchtlinge – bzw. jeden, von dem Ihr vermutet, dass er Flüchtling ist – pauschal unter Generalverdacht, Vergewaltiger zu sein. Ihr sprecht ihnen damit ihre Würde ab. Dadurch zeigt Ihr Eure Verachtung für unser Grundgesetz. Das macht Euch zu den Undeutschesten von allen.

 

Auf welche Werte beruft Ihr Euch? Auf die des Christentums, dessen Messias als Baby vor Mord und Verfolgung geschützt wurde, indem die Familie vor dem politischen Machthaber nach Ägypten floh? Auf die bedingungslose Nächstenliebe, die Christus in der wegweisenden Bergpredigt angeregt hat? Auf die westlichen, die durch Aufklärung geprägt sind, welche der Vernunft einen zentralen Stellenwert zuweist? Das sind doch offensichtlich nicht Eure Werte.

 

Vielleicht seht Ihr Euch auch als „echte Biberacher“ – obwohl Ihr nicht traditionell weltoffen seid, im Gegenteil.

 

Oberschwäbisch seid Ihr auch nicht, wenn man bedenkt, das Oberschwaben in seiner Geschichte immer von Migration und kulturellem Austausch gelebt hat. Stark ist niemand, dem jegliche Empathie und Mitgefühl fehlen. Das einzige, was Ihr durch Euer hetzendes Gehabe seid, ist klein. Verdammt klein.

 

 

PS: Ich weiß, dass mich jetzt von Euch Beleidigungen und Drohungen erwarten. Einschüchtern lasse ich mich von Euch aber nicht. Dass Ihr Hetzer nicht sonderlich gut im Recherchieren seid, erkennt man, wenn man sich Eure Aussagen anschaut. Deshalb, hier geht’s zu meinen Kontaktdaten.




EDIT: In einer früheren Version war die Rede davon, dass die drei zitierten Kommentare in der geschlossenen Facebook-Gruppe stünden. Tatsächlich lässt sich diese Diskussion öffentlich auf dem privaten Account eines Unterstützers der Gruppe finden. Diesen Fehler bitte ich zu entschuldigen.